In Südniedersachsen bestätigt sich eine Studie des Umweltbundesamtes: Gut ein Drittel der entsorgten Abfälle gehören nicht in den Restmüll

Das ist der erste Eindruck beim Betreten des Müllbunkers auf der Entsorgungsanlage Deiderode. Ein Greifbagger bugsiert mit seinem großen Krakenarm zerlumptes Durcheinander von der einen zur anderen Stelle. „Kann ich Ihnen helfen?“ Ein Mitarbeiter schaut aus seinem hochgängigen Müllverdichter den Mann vom Tageblatt fragend an. „Herr Rybarczyk, ja, da müssen Sie hier rechts herum, zum Haupteingang.“

Markus Rybarczyk ist der Geschäftsführer des Abfallzweckverbands Südniedersachsen (AS). Der AS ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, im Jahr 2003 von den Landkreisen Göttingen, Northeim, Osterode am Harz und der Stadt Göttingen mit dem Ziel gegründet, die Abfälle der Region wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll zu entsorgen. Auf dem Gelände der Entsorgungsanlage Deiderode betreibt der AS eine mechanisch-biologische Abfallbehandlungsanlage (MBA). Die Abfälle werden mechanisch aufbereitet und dann einer biologischen Behandlung unterzogen.

Große Transporter bringen den Müll aus Northeim

„Wir bekommen hier fast ausschließlich Hausmüll, auch kleinere Mengen Sperrmüll und hausmüllähnliche Gewerbeabfälle“, erklärt Rybarczyk bei einem Rundgang. Ausgestattet mit Schutzhelm, gelber Warnweste und einem speziellen Mund-Nasen-Schutz, der Partikel beim Einatmen filtert, führt der Geschäftsführer seinen Gast durch die einzelnen Bereiche. Los geht es am Entladeplatz, wo gerade ein 22-Tonner seine Mülllast aus dem Landkreis Northeim entleert. Im Nachbarlandkreis wird der Abfall auf Entsorgungsanlagen gesammelt und dann in großen Transportern nach Deiderode gebracht.

Der Weg des Mülls geht dann über zig Laufbänder, durch Zerkleinerungs- und Filteranlagen und Siebe. Eigentlich dürften sich im Restmüll der schwarzen Tonne lediglich vor allem Hygieneartikel, Glas- und Keramikscherben, Katzenstreu, Kehricht und Asche wiederfinden. So ist es aber nicht: „Im Restmüll finden wir im Grunde alles“, sagt Rybarczyk. Alles, was da nicht hineingehört, wie Plastik, Lebensmittel, alte Taschen und Textilien, Grünschnitt, unglaublich viel Papier und Pappe, Elektroschrott und „leider auch Batterien und Akkus“. Aus dem Laster kullern in diesem Moment drei Fußbälle.

Immer wieder finden sich Batterien im Hausmüll

Neben den giftigen Stoffen, die sich in Batterien befinden können, wie Blei und Cadmium, bilden diese Zellen eine Brandgefahr. Werden sie zerschlagen, kann es zu einer Funkenbildung kommen infolge einer elektrischen Entladung. Deshalb überwachen zahlreiche Detektoren die Anlage, eine Sprinkleranlage ist für den Fall des Falles eingebaut. Ist ein solcher Fall schon einmal eingetreten? Der Geschäftsführer bejaht die Frage.

„Die organischen Anhaftungen verschmutzen alles andere“, macht der 51-Jährige auf ein weiteres Problem aufmerksam, dem sich die Müllwerker gegenübersehen. Um Organisches aus den Abfällen herauszuziehen, ist eine Vergärung beziehungsweise Fermentierung in den Prozess zwischengeschaltet. In drei riesigen Behältern mit einem Fassungsvermögen von je 4800 Kubikmetern arbeiten Rührwerke Tag und Nacht, um die biologischen Bestandteile mithilfe von Bakterien zu zersetzen. Immerhin entsteht Biogas, das von hauseigenen Blockheizkraftwerken gleich zur Strom- und Wärmeerzeugung verwendet wird.

Ein Metallabscheider pickt metallene Bestandteile aus dem Gemisch. Erstaunlich, was das Laufband alles davonträgt: Löffel, Haken, Winkel, metallbeschlagene Schuhe und immer wieder Batterien. Ist der Müll frei von Metallen, geht er in die Zerkleinerung. Rybarczyk spricht von Unterkorn (0 bis 60 Millimeter) und Überkorn (bis zu 300 Millimeter). Alles in allem ist die Müllbehandlung ein ausgeklügeltes System, an dessen Ende Hochkalorisches herauskommt, das in die Müllverbrennungsanlage Witzenhausen gebracht wird, aber auch eine erdähnliche Masse, eine Art Kompost – nur eben aufgrund der Verunreinigungen, die nie völlig herausgeholt werden können, nicht als solcher einzusetzen. Auf dieses leicht klebrige Substrat wartet die Deponie in Blankenhagen im Landkreis Northeim.

„Jedes kleine Ding in drei Folien eingepackt“

Rybarczyk bestätigt für Südniedersachsen eine aktuelle Studie des Umweltbundesamtes: „Ein Großteil der im Restmüll landenden Stoffe gehört dort nicht hinein.“ Auch die Südniedersachsen trennen nicht sauber genug. Prinzipiell prallen Praxis und Theorie aufeinander: Die Theorie in Deutschland heißt Kreislaufwirtschaftsgesetz. Hier steht, gleich einer Pyramide, die Abfallvermeidung ganz oben, gefolgt von der Wiederverwertung, dem Recycling (stoffliche Verwertung), der energetischen Verwertung und der Müllbeseitigung durch Verbrennen oder Deponieren. „Aber wir leben diese Hierarchie nicht“, lautet das Fazit des Fachmannes. Was ihm als Verbraucher besonders auffällt: „Jedes kleine Ding ist in drei Folien eingepackt.“

Die Praxis zeige, dass die Kreisläufe, so wie sie die Theorie beschreibt, längst noch nicht geschlossen sind. Also mehr Aufklärung, mehr Öffentlichkeitsarbeit, mehr Kampagnen, damit der Müll, wenn schon nicht vermieden, dann doch getrennt wird? Grundsätzlich begrüßt Rybarczyk diesen Vorschlag. Er ist sich aber sicher: „Sie werden immer Menschen haben, die sich verweigern. Sie werden nie alle erreichen.“ Auch das System müsse reformiert werden: „Die Sinnhaftigkeit muss erkennbar sein“ – damit spielt er auf den Fakt an, dass sich nur maximal 25 Prozent der in gelben Säcken gesammelten Abfälle tatsächlich in einem neuen Produkt wiederfinden.

 

Zwei Drittel der Abfälle landen in der falschen Tonne

Mülltrennung ist eine simple Sache, theoretisch jedenfalls. Glas in den Glascontainer, Papier in die Papiertonne, Plastik in den gelben Sack – dann kann auf dem Recyclinghof aus Altem etwas Neues entstehen. Aber es gibt nach einer Studie des Umweltbundesamtes mehrere Millionen Tonnen verwertbarer Abfälle, die in diesem Kreislauf nicht ankommen. Nur ein Drittel der Abfälle, die gemessen am Gewicht in Deutschlands Restmülltonnen landen, gehört dort auch hinein, hat die Stichprobenuntersuchung von 2800 Hausmülltonnen laut Umweltbundesamt ergeben. Der Umkehrschluss: Zwei Drittel der Abfälle landen in der falschen Tonne.

Die Studie besagt, dass 39 Prozent Bioabfall in eine herkömmliche Hausmülltonne wandern, zusätzlich 27 Prozent trockene Wertstoffe wie Altpapier, -glas, Kunststoff oder Holz. In Göttingen sieht es vermutlich ähnlich aus. Die bislang letzte Untersuchung der Göttinger Entsorgungsbetriebe (GEB) stammt aus dem Jahr 2013. Damals stellten die GEB fest, dass 24,6 Prozent des Restmülls aus Bioabfällen bestand, Papier und Pappe waren mit 11,5 Prozent vertreten. „Aktuelle Zahlen stehen nicht zur Verfügung“, teilt GEB-Sprecherin Maja Heindorf mit. Im Rahmen der Sortieranalyse sei zudem nicht festzustellen, ob es sich um bereits im Vorfeld stark verschmutzte Verpackungsanteile handelte oder ob die Verschmutzungen erst im Restabfallgemisch entstanden sind.

Komposttonne im Landkreis sehr gefragt

Auffällig im Bioabfall seien „Fehlwürfe“ in Form von Verpackungen, gefüllten Dosen und Konservengläser, aber auch Plastiktüten. In der Biotonne sind diese ebenso unerwünscht wie erdölbasierte, aber auch biologisch abbaubare Kunststoffe. Die sauberste Trennung gelinge bei Altglas, Papier und Pappe sowie bei Textilien, also bei „trockenen Abfällen“, so Heindorf.

„Problematisch ist immer, wenn Schadstoffe und Elektroaltgeräte im Restabfallbehälter landen“, sagt Ulrich Lottmann, Pressesprecher des Landkreises Göttingen. Denn diese müssten getrennt erfasst werden, damit sie dem Recycling und somit einer „ordnungsgemäßen Entsorgung“ zugeführt werden können. Detaillierte Aussagen zu Mengen oder einer regionalen Verteilung dieser unsachgemäßen Entsorgung seien jedoch nicht möglich.

Positiv könne hervorgehoben werden, dass im Gebiet des Altkreises Göttingen die seit den 1990-er Jahren angebotene Komposttonne für den Bioabfall ganzjährig stark nachgefragt werde. Deshalb geht Lottmann davon aus, dass der Anteil des Biomülls in der Restabfalltonne im Landkreis unter dem Bundesdurchschnitt von 39 Prozent liegt.

Wie werden die Abfälle wieder getrennt?

Doch was passiert mit den Abfällen, die in der falschen Tonne landen? „In der mechanisch-biologischen Vorbehandlungsanlage des Abfallzweckverbandes Südniedersachsen in Deiderode wird der Hausmüll aus den Landkreisen Northeim und Göttingen zuerst zerkleinert und die Metalle abgeschieden“, erläutert Lottmann. Danach erfolge die Windsichtung, ein Verfahren, das durch Luftströme die leichten Partikel von den schwereren trennt. Dadurch werden kleine Holzteile, Papier und Kunststoffe aus dem Restmüll gefiltert. „Diese Bestandteile machen etwa 40 Prozent des Mülls aus“, sagt Lottmann. Die sogenannte „Leichtfraktion“ werde als Sekundärbrennstoff verkauft, der Rest biologisch aufbereitet.

Der Anteil der organischen Substanzen müsse reduziert werden, damit am Ende etwa 20 Prozent des ursprünglichen Abfalls auf der Deponie Blankenhagen abgelagert werden können. Die Kunststoffe im Restmüll werden derzeit mittels mechanischer Aufbereitung als Sekundärbrennstoff nur energetisch verwertet. Um Verpackungen aus Plastik stofflich verwerten zu können, müsse der gelbe Sack zum Sammeln benutzt werden. So wurden im Jahr 2017 in Deutschland 48 Prozent der Kunststoffverpackungen recycelt.

 

Was gehört in welche Tonne?

Welcher Abfall gehört in welche Tonne? Mit welchem Müll muss man zum Recyclinghof fahren? Antworten gibt die Trennhilfe der Göttinger Entsorgungsbetriebe.

  • So sollten beispielsweise folgende Abfälle in den Hausmüll (schwarze Tonne) geworfen werden: Staubsaugerbeutel, Straßenkehricht, Zigarettenkippen und Asche, Windeln, Watte, Hygienepapier, rohe Fleisch- und Fischreste sowie Knochen, Katzenstreu, Porzellan, Tongefäße, Keramik, Glühbirnen, Backpapier, Tapetenreste, Fotos und Dias, Spielzeug und Videokassetten.
  • In die grüne Biotonne gehören Obst-, Gemüse- und Speisereste sowie gekochte Knochen und Gräten, Tee- und Kaffeefilter, Zitrusfrüchte, Eier- und Nussschalen, Rasenschnitt, Laub, Moos, verwelkte Blumen, Topfpflanzen, Küchentücher, Papierservietten und -tüten oder Zweige.
  • Zeitungen, Zeitschriften, Kartons und Broschüren sowie Pappen sollten in der blauen Tonne entsorgt werden.
  • Für Kunststoffverpackungen, Dosen und Verbundstoffe wie Tetrapaks ist der gelbe Sack da.
  • Altglas gehört nach Farben getrennt in den Altglascontainer, Schuhe und Textilien, Stoffreste, Gardinen und Federbetten in den entsprechenden Sammelbehälter. Sperrige Abfälle wie Schränke, Sofas, Matratzen oder Fahrräder sowie Herde und Kühlschränke müssen als Sperrmüll angemeldet werden, damit sie abgeholt werden können.
  • Batterien, Lacke, Öle, Energiesparlampen, Leuchtstoffröhren, Hobbychemikalien und Pflanzenschutzmittel müssen auf dem Recyclinghof abgegeben werden.

 

Entnommen aus dem Eichsfelder Tageblatt vom 11.08.2020. Bericht Ulrich Meinhard und Tobias Christ. Foto Meinhard / ET.