Polizei rät zu mehr Achtsamkeit / Kollisionen passieren vor allem in der Dämmerung während der Paarungszeit

In den vergangenen Wochen ist es im Zuständigkeitsbereich der Polizeiinspektion Göttingen vermehrt zu Wildunfällen gekommen. Eine auffällige Entwicklung gab es an einem Wochenende im Altkreis Duderstadt, teilte die Polizei mit. Demnach wurden in diesem Zeitraum sieben Wildunfälle mit Reh, Dachs und Wildschwein registriert. Zwei Menschen erlitten nach Angaben der Polizei leichte Verletzungen. Außerdem entstand ein Gesamtschaden in Höhe von mindestens 20 000 Euro. Alle Unfälle ereigneten sich während der Dämmerung oder bei Dunkelheit.

Die Zahl der Wildunfälle ist im Bereich der Polizeiinspektion Göttingen im Jahr 2019 gestiegen. Während im Jahr 2018 1153 Unfälle registriert wurden, waren es 2019 1280, was einem Anstieg von etwa elf Prozent entspricht. Im Jahr 2019 wurden dabei sechs Menschen schwer und acht leicht verletzt. Für das Jahr 2020 zeichnet sich nach Angaben der Polizei eine weitere Zunahme der Unfallzahlen ab. Auswertungen der registrierten Wildunfälle zeigen, dass es vor allem in den Morgen- und Abendstunden sowie von September bis Dezember vermehrt zu Unfällen komme. Die Polizei warnt davor, dass gerade durch die Überschneidung der Zeiten des Wildwechsels und des Berufsverkehrs nach der Zeitumstellung besondere Vorsicht auf den Straßen geboten sein sollte.

Verstärkte Gefahr durch Schwarzwild

Zusätzlich sollte Vorsicht geboten sein, wenn sich das Schwarzwild von November bis Dezember in der Paarungszeit befindet. Währenddessen sind die Tiere weniger vorsichtig und tagaktiv. „Abstände zu Straßen sowie auch zu Menschen werden von den paarungswilligen Tieren kaum oder gar nicht beachtet“, teilt die Polizei mit.

„Gefährliche Strecken gibt es im Zuständigkeitsbereich der PI Göttingen nicht“, sagt Jörg Arnecke, Verkehrssicherheitsberater der Polizeiinspektion Göttingen. Im Landkreis Göttingen ereignen sich die Wildunfälle „bunt gestreut“, so Arnecke. Die Hauptunfallursachen im Zusammenhang mit Wildunfällen seien eine nicht angepasste Geschwindigkeit und das Überschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit. Es gelte der Grundsatz: „Verkehrsunfälle passieren nicht – diese werden verursacht.“ Hervorzuheben sei nach Angaben der Polizei auch die Unkenntnis der Fahrer über die Verhaltensweise des Wildes und das richtige Verhalten in Gefahrensituationen. Darum rät Arnecke: „Besser langsam als wild.“

Achtsamkeit während der Morgendämmerung

Arnecke gibt einige Ratschläge, um Wildunfälle zu vermeiden: Dazu zählt besonders das Einhalten der erlaubten Höchstgeschwindigkeit. Außerdem sollte das Verkehrszeichen „Wildwechsel“ beachtet werden. In Waldgebieten rät der Verkehrssicherheitsberater dazu, die Geschwindigkeit zusätzlich anzupassen. Die Fahrer sollten jederzeit bremsbereit sein und besonders in der Morgendämmerung den Wildwechsel im Auge haben. Um rechtzeitig reagieren zu können, sollte ausreichender Sicherheitsabstand zum vorausfahrenden Fahrzeug eingehalten werden. Wird Wildwechsel beobachtet, sollte man mit Nachzüglern rechnen: Oft überqueren mehrere Tiere hintereinander die Straße.

Sollte sich Wild auf der Fahrbahn befinden, rät Arnecke dazu, stark und kontrolliert abzubremsen. Das heißt, dass der Fahrer nicht ausweichen sollte. Sollte das Fernlicht eingeschaltet sein, muss es abgeblendet werden. Es sei ebenso hilfreich, zu hupen und den nachfolgenden Verkehr zu warnen, indem die Warnblinkanlage eingeschaltet wird.

Das richtige Verhalten bei Wildunfällen

Falls es zu einem Wildunfal l kommt, rät Jörg Arnecke, Verkehrssicherheitsberater der Polizeiinspektion Göttingen, dazu, nach dem Unfall eine Warnweste anzuziehen. Die Unfallstelle sollte abgesichert werden, während andere Verkehrsteilnehmer vor dem möglicherweise auf der Straße liegenden Tier gewarnt werden sollten. Das kann der Fahrer durch eine eingeschaltete Warnblinkanlage und ein deutlich sichtbares Warndreieck machen. Zu den verletzten Tieren sollte ausreichend Abstand gehalten werden, weil diese panisch reagieren und jemanden verletzen könnten. Es sei außerdem wichtig, sich die Fluchtrichtung des Tieres zu merken, sagt Arnecke. Außerdem dürfe sich der Fahrer nicht vom Unfallort entfernen und sollte die Polizei informieren. Die Mitnahme eines tödlich verletzten Tieres vom Unfallort sei verboten und falle unter den Tatbestand der Jagdwilderei.

 

Höchste Wildunfallgefahr

Jäger warnen: „Ein 60-Kilo-Wildschwein verwandelt sich bei einem Zusammenstoß mit Tempo 60 in ein Nashorn”

Im Herbst steigt die Gefahr durch Verkehrsunfälle mit Wildtieren. Statistisch ereignen sich die meisten Wildunfälle im Herbst: Rehe, Hirsche, Wildschweine oder andere Tiere überqueren die Straßen – und leben besonders in der Morgendämmerung zwischen sechs und acht Uhr gefährlich. Dann kommt es vermehrt zu Unfällen mit Fahrzeugen.

Im Herbst und im Frühjahr ist das Risiko am höchsten. Das belegen Zahlen des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) aus dem vergangenen Jahr. Die meisten Wildunfälle geschehen dabei mit Rehen. Dies zeigen Auswertungen des Tierfund-Katasters des Deutschen Jagdverbandes (DJV) durch Wissenschaftler der Uni Kiel. Die Wissenschaftler haben 19 800 Wildtierunfälle, die zwischen September 2017 und August 2019 gemeldet wurden, analysiert. Nach Angaben des DJV ereignen sich 41 Prozent und damit die meisten der Wildunfälle übers Jahr verteilt mit Rehen. Auf Platz zwei folgen Hase und Kaninchen mit 10 Prozent. Danach kommen Füchse (8 Prozent), Wildschweine und Vögel (beide 6 Prozent). 5 Prozent der Zusammenstöße treffen Marder, Iltisse und Wiesel.

Nicht nur für die Tiere kann ein Wildunfall Folgen haben. Auf ein Auto, das mit 60 Kilometern pro Stunde einen Rothirsch rammt, wirkt eine Kraft von fünf Tonnen ein, erklären ACV und DJV. „Ein 60-Kilo-Wildschwein verwandelt sich bei einem Zusammenstoß mit Tempo 60 in ein Nashorn”, lässt der DJV auf seiner Webseite wissen.

Was können Autofahrer tun, um Wildunfälle zu vermeiden?

Vorausschauendes Fahren, insbesondere in den Abend- und frühen Morgenstunden, und eine angemessene Geschwindigkeit sind die besten Vorsorgemaßnahmen, um Wildunfälle zu vermeiden. Der ADAC rät: „Fuß vom Gas und immer bremsbereit sein.“ Außerdem ist erhöhte Aufmerksamkeit geboten, wenn die Straße nicht gut einzusehen ist, beispielsweise entlang unübersichtlicher Wald- und Feldränder sowie im Wald und auf neuen Straßen.

Sobald ein Tier vor dem Auto auftaucht, sollten Autofahrer folgendes tun:

  • Fernlicht ausschalten, damit das Tier nicht geblendet wird
  • Hupen, um Tiere zu vertreiben
  • auf Nachzügler achten

Was ist zu tun, wenn es zum Wildunfall gekommen ist? Ist ein Zusammenstoß unausweichlich? Dann gilt:

Sicher bremsen statt ausweichen. Dabei sollte das Lenkrad gut festgehalten werden.

Was ist nach einem Wildunfall zu tun? DJV, ADAC und ACV empfehlen:

  • Ruhe bewahren!
  • Die Unfallstelle wie folgt sichern: Warnblinker einschalten, Warnweste anziehen und Warndreieck mit nötigem Sicherheitsabstand aufstellen.
  • Hilfe leisten: Sind Personen zu Schaden gekommen, Notruf unter 112 anrufen.
  • Folgeschäden verhindern: Tote Tiere markieren oder mit Handschuhen von der Straße auf den Randstreifen ziehen. Das gilt nicht für verletzte Tiere!
  • Standort bestimmen
  • Polizei über 110 oder Jäger informieren, auch wenn kein sichtbarer Schaden entstanden oder das Tier weggelaufen ist. Am Unfallort warten, bis Polizei oder Jäger vor Ort sind.
  • Wildunfallbescheinigung vom Förster oder der Polizei einholen. Der GDV rät, Fotos vom Unfallort, dem Tier und den Schäden am Fahrzeug zu machen.

Zahlt die Versicherung beim Wildunfall?

Kaskoversicherungen regulieren Schäden nach Unfällen mit Haarwild. Dazu zählen beispielsweise Rehe, Wildschweine und Hasen. Auf die Schadenfreiheitsklasse wirkt sich ein regulierter Wildunfall nach GDV-Angaben nicht aus.

 

Entnommen aus dem Eichsfelder Tageblatt vom 05.11.2020. Bericht Pascal Wienecke.