Im Landkreis Göttingen gibt es 24 Biogas- und zwei Klärgasanlagen / Folgt auf Boom-Zeiten jetzt die Ära der Zukunftssorgen?

Noch vor zehn Jahren boomte die Bioenergie. Mehr und mehr Anlagen gingen in Betrieb. Darunter auch das Bioenergiedorf Jühnde als erstes Projekt im Landkreis Göttingen. Inzwischen haben sich jedoch die Prioritäten in der Energiepolitik geändert. Der Ausbau der Windenergieanlagen wächst. Zudem ist ein Ende der bisherigen Förderung über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in Sicht. Was bedeuten diese Rahmenbedingungen für die Biogasanlagen im Landkreis Göttingen?

Im Landkreis Göttingen gibt es 24 Biogas- und zwei Klärgasanlagen, zum Teil betrieben als Genossenschaft, andere privatwirtschaftlich. Beispielsweise gingen in den Jahren 2008 und 2009 die Anlagen des Duderstädter Landwirts Heinrich Biermann auf dem Gelände des Unternehmens Ottobock und die Bioenergie Wollbrandshausen-Krebeck an den Start.

Vorreiter Bioenergiedorf Jühnde

Vorreiter in der dezentralen Energieversorgung aus erneuerbaren Energien war Jühnde. Das Dorf in der Samtgemeinde Dransfeld hatte 2005 unter wissenschaftlicher Begleitung der Universität Göttingen begonnen, auf Basis von Biomasse Strom zu erzeugen und die Jühnder Haushalte über ein Nahwärmenetz mit Wärme zu versorgen. Etwa 70 Prozent der Haushalte sind heute angeschlossen, „etwa 134 Kunden beliefern wir mit Nahwärme“, sagt Eckhard Fangmeier, Vorstand und Sprecher der Bioenergiedorf Jühnde eG.

Was den wirtschaftlichen Erfolg der Bioenergienlagen angeht, reiche die Spanne von „sehr schwierig bis erfolgreich“, so die Einschätzung von Achim Hübner, Geschäftsführer des Landvolk-Kreisbauernverbands Göttingen. Für die Landwirte sei es lukrativ, die Anlagen mit „Inputstoffen vom Acker und dem Grünland“, aber auch etwa Wirtschaftsdünger zu beliefern. Darunter ist Gülle, Mist und Jauche zu verstehen. Einige Bauern betreiben sogar eigene Bioenergieanlagen oder sind daran beteiligt, erklärt Hübner.

„Ziel erreicht“

„Der Spirit von damals ist auch nach 15 Jahren noch da“, freut sich Fangmeier über das „Gemeinschaftsprojekt“. Er ist auch überzeugt vom Konzept, die Bioenergie für die regionale Energieversorgung (Strom und Wärme) zu nutzen. Unter ökologischen Aspekten „haben wir unser Ziel erreicht“. Insgesamt habe Jühnde 10 000 Tonnen nachwachsende Rohstoffe eingesetzt, dazu etwa 6000 Kubikmeter Gülle, zählt Fangmeier auf. Daraus seien etwa fünf Millionen Kilowattstunden Strom produziert worden – „etwa doppelt so viel, wie der Ort an Elektrizität benötigt“. Darüber hinaus habe die Anlage die Wärmekunden mit rund 3600 Megawattstunden Wärme versorgt. Insgesamt seien 3000 Tonnen CO2 pro Jahr eingespart worden.

„Wir sind durch alle Höhen und Tiefen gegangen“, sagt der Vorsitzende der Jühnder Genossenschaft rückblickend. Derzeit steht es um die wirtschaftliche Situation der Bioenergie Jühnde eG nicht gut, wie Fangmeier zugibt. Dafür gebe es mehrere Gründe. So stehe das Bioenergiedorf nach 15 Jahren vor einer neuen Herausforderung, etwa weil neue gesetzliche Anforderungen zu erfüllen seien. Fangmeier nennt die neue Düngemittelverordnung, die eine deutlich längere Lagerung fordert als bisher, und auch müsse ein Wall um die Anlage herum gebaut werden, um den Wasserschutz zu gewährleisten. Die erforderlichen Investitionen schätzt Fangmeier auf rund 700 000 Euro.

Genossen suchen nach Investor

2015 war bereits in die Technik der Anlage investiert worden, um deren Effizienz zu steigern, berichtet Fangmeier. Allerdings wurde der einkalkulierte Technologiebonus laut EEG vom Betreiber des Stromnetzes nicht ausbezahlt. Die Genossenschaft hat aufgrund der fehlenden Einnahmen von geschätzt einer Viertelmillion Euro Klage eingereicht. Das Dilemma sei nach Angaben Fangmeiers, dass die Genossenschaft nicht mit ausreichend Eigenkapital ausgestattet sei, um die notwendigen Investitionen zu tätigen. Weil die notwendigen Finanzmittel nicht aus Reihen der Genossen aufgebracht werden können, hatten die Genossenschaftsmitglieder im November den Vorstand beauftragt, nach einem Investor zu suchen. Es liefen bereits Gespräche mit möglichen Interessenten. Darüber hinaus soll den Genossen zu ihrer nächsten Generalversammlung ein Alternativvorschlag unterbreitet werden, wie die Anlage in Zukunft betrieben werden könnte.

Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Situation und dem Wissen von heute gibt Fangmeier Besuchergruppen, die sich noch immer über das Konzept Bioenergiedorf Jühnde informieren, einen Rat mit auf den Weg. Man sollte nicht ohne genügend Kapitalausstattung an den Start gehen, damit man reagieren könne, etwa bei Rechtsstreitigkeiten oder notwendigen Investitionen. Und es gelte, die Anlage so effizient wie möglich zu betreiben, „denn Kapitalausstattung ist nicht gleich Wirtschaftlichkeit“.

Flexibilität als wesentlicher Faktor

Fangmeier wagt schließlich noch einen Blick in die Zukunft der Bioenergie allgemein. Wenn in einigen Jahren die EEG-Zulage wegfalle und sich die gegenwärtigen politischen Rahmenbedingungen nicht änderten, drohe vielen Biogasanlagen das Aus. „Die Branche stöhnt ohne Ende“, schildert der Jühnder. Auch Landvolk-Geschäftsführer Hübner glaubt: „Es werden nur die Anlagen überleben, die heute schon gut dastehen.“ Flexibilität sei dafür ein ganz wesentlicher Faktor. Aber ohne Förderung werde es nicht gehen, appelliert auch er an die Politik.

Dass die Bioenergie derzeit in der Politik „immer weniger Lobby“ hat, ist auch der Eindruck von Bernd Köhler, Geschäftsführer der C4Energie AG, einem Unternehmen, das sich 2004 gegründet hat und inzwischen 13 (Bio-)Gasanlagen im gesamten Bundesgebiet betreibt. In der Region sind das die Anlagen in Hardegsen (in Kooperation mit dem Energieversorger EAM), wo das Biogas zu Biomethan umgewandelt und ins Erdgasnetz eingespeist wird sowie die Biogasanlage in Bilshausen. Letztere hat das Unternehmen 2015 aus der Insolvenz heraus gekauft, so Köhler.

Nach Havarie übernommen

Die vorherige Betreibergesellschaft hatte nach einer Havarie in der Anlage im Jahr 2015 Insolvenz angemeldet. Im März 2015 waren Tausende Liter Gärsubstrat ausgelaufen, konnten aber in einem Havariebecken aufgefangen werden. Die C4Energie AG habe die „konstruktiven Mängel, die zur Havarie geführt hatten“ im Rahmen einer Teilmodernisierung nachgerüstet, so Köhler. Ziel sei eigentlich gewesen, die Anlage zu modernisieren und ein modernes Blockheizkraftwerk zu bauen. Davon habe man jetzt aber Abstand genommen, sagt der Unternehmer. Gründe seien die unter anderem erforderlichen Investitionen etwa in ein Schallgutachten und um die Auflagen des Gewerbeaufsichtsamtes zu erfüllen. „Die Anforderungen waren so hoch, dass die Kosten explodiert wären“, begründet Köhler. Und da sich auch die energiepolitischen Rahmenbedingungen verschlechtert hätten, werde in die Biogasanlage in Bilshausen nicht mehr investiert, sagt Köhler mit Bedauern.

Gas lässt sich nicht transportieren

Köhler sieht die Zukunft der Biogasanlagen nicht mehr in der reinen Strom- und Wärmeproduktion. „Viele Anlagen produzieren Strom, aber nutzen das Gas nicht“, sagt er. Vielmehr hält Köhler das Konzept, wie es in der Anlage in Hardegsen gefahren werde, für zukunftsfähig. 70 Prozent der Energie werden in den Bereichen Verkehr und Heizen verbraucht. Biogas, das zu Biomethangas umgewandelt werde, lasse sich speichern und über lange Strecken transportieren. Und, so Köhler, es handle sich um eine der wenigen Techniken, die ausgereift sei. In Bilshausen war von der früheren Betreibergesellschaft eine Kombination aus Biogas- und Biomethananlage angedacht. Die Beteiligten hatten sich dann aber in aller Stille von dem umstrittenen Großprojekt verabschiedet.

Bioenergie im Landkreis: Zahlen und Fakten

Im Landkreis Göttingen gibt es 24 Biogasanlagen und zwei Klärgasanlagen (bei Hattorf und bei Herzberg am Harz). Von den 24 Biogasanlagen sind die vier Bioenergiedörfer Jühnde, Barlissen, Reiffenhausen und Krebeck-Wollbrandshausen genossenschaftlich geführt. Weitere Biogasanlagen gibt es in Hilwartshausen, Barterode, Rosdorf, Obernjesa, Gieboldehausen, Bilshausen und in Duderstadt (zwei Anlagen).

Im angrenzenden Landkreis Northeim gibt es unter anderem die Biogasanlagen im Bioenergiedorf Asche sowie Anlagen in Hevensen, Moringen, Hollenstedt und Hillerse sowie weitere 14 Anlagen im restlichen Landkreis.

Im Landkreis Göttingen werden die Biogasanlagen von der Landwirtschaft beliefert. Etwa fünf Prozent der Fläche werde nach Angaben des Landvolks Göttingen für Maisanbau, darüber hinaus „in übersichtlichem Umfang Getreide als Ganzpflanzensilage und ebenso übersichtlich wenig Gras von Grünlandflächen“ genutzt.

Die Transportwege würden grundsätzlich so kurz wie möglich gehalten, hingen aber von Fruchtfolgen und der Verfügbarkeit von Flächen der Lieferanten ab. Die Transportwege betrügen durchschnittlich fünf Kilometer, so das Landvolk. Die Transportrouten zu den Biogasanlagen würden regelmäßig mit der Verkehrsbehörde, den Landwirten und den Anlagebetreibern besprochen, erklärt zum Beispiel Sabine Holste-Hoffmann von der Duderstädter Ordnungsbehörde.

 

Entnommen aus dem Eichsfelder Tageblatt vom 21.05.2019. Bericht Britta Eichner-Ramm.