Daniel Raub und André Venjakob starten zur Wiedereröffnung mit einer Testphase

Kein Bier in der Lieblingskneipe, keine saisonale Köstlichkeit im Restaurant, keine Pizza beim Stamm-Italiener, Kuchen meistens aus dem eigenen Backofen. Der eigenen Kreativität waren in den vergangenen Wochen keine Grenzen gesetzt, wenn es darum ging, sich in den Zeiten der Corona-Pandemie kulinarisch etwas zu gönnen. Sich an fremde Tische zu setzen und verwöhnen zu lassen, war unmöglich. Das ist seit Montag, 11. Mai, in Niedersachsen Vergangenheit. Restaurants und Cafés dürfen wieder öffnen – allerdings unter Einhaltung strenger Vorschriften.

Daniel Raub, Sternekoch aus Friedland, bezeichnet die Verordnung des Landes Niedersachsen, die erst zwei Tage vor dem möglichen Wiedereröffnungstermin erschienen war, als „umsetzbar, wenn sich alle an die Spielregeln halten“. Er hat inzwischen sein gesamtes Restaurant umgeräumt, hat aus dem „Wintergarten“ und der „Genießer Stube“ ein einheitliches Restaurant gemacht. Dort, wo sonst bis zu 110 Menschen gleichzeitig bedient werden können, sitzen zunächst nur 25. „Hier sehe ich den Knackpunkt der Verordnung. Man kann nicht einfach nur jeden zweiten Tisch besetzen, wenn man die Abstandsregelung genau einhalten will. Befolgt man das genau, haben wir nicht 50 Prozent der eigentlichen Gästezahl, sondern gerade einmal 25 Prozent bei uns im Restaurant sitzen“, sagt Raub, der damit rechnet, dass genau kontrolliert werden wird in den nächsten Tagen. Er verspricht seinen Gästen eine angenehme Atmosphäre, „die aber anders sein wird, als sie es gewohnt sind“.

Umsetzung zu hundert Prozent

Der mit einem Michelin-Stern ausgezeichnete Koch hat sich entschlossen, die „Genießer Stube“ zu öffnen und erst einmal eine Woche lang die Resonanz zu testen. Normalerweise serviert er von Dienstag bis Sonnabend seine Gerichte, mit der Wiedereröffnung nach der durch das Corona-Virus bedingten Pause empfängt er bereits am Montag die ersten acht Gäste an drei Tischen. „Wir haben alles zu hundert Prozent umgesetzt, sodass die Gäste ohne Angst zu uns kommen können. Die Speisekarten sind zum Mitnehmen, werden aber, wenn sie im Restaurant zurückgelassen werden, vernichtet. „Weil bei uns ein Vier-Gänge-Menü bis zu drei Stunden dauert, werden wir die Tische auch nicht doppelt besetzen. Reservierungen sind bei uns ohnehin üblich. Im Eingangsbereich gibt es eine Klingel, sodass wir wissen, dass die Gäste angekommen sind“, sagt Raub, der alles daransetzt, dass sein „Kleinod hier im Landkreis“ erhalten bleibt.

Damit das Personal ausgelastet ist („Wir können ja nicht nur einen halben Koch beschäftigen, die Kosten bleiben gleich“), gibt es ab sofort auch eine Abhol-Karte für Außer-Haus-Gerichte. Raub wird sich genau anschauen, ob sein Plan aufgeht, und dann „schnelle Rückschlüsse ziehen und darauf reagieren“. Wichtig ist es für ihn, dass das Ansteckungsrisiko durch die Schutzmaßnahmen minimiert wird. „Auch für uns Restaurantbesitzer ist das Risiko hoch. Ich werde alles daransetzen, dass eine zweite Schließung vermieden wird.“

Auch im Bilshäuser „Landgasthof Zur Linde“ wurden schon Stühle gerückt, erste Gäste empfangen Heinz-Eugen und André Venjakob aber erst am Freitag, 15. Mai. In den vergangenen Wochen haben Vater und Sohn ihre Gäste mit einem Außer-Haus-Service bedient, der jeweils unter einem anderen Motto gestanden hat. Ostern und am Muttertag waren Menü-Boxen im Angebot, in denen sich drei Gänge befanden, die mit wenigen Handgriffen in der heimischen Küche fertig zubereitet werden konnten. „Das werden wir zu bestimmten Anlässen auch weiter machen, das ist gut gelaufen“, sagt André Venjakob.

40 statt 70 Plätze

Jetzt ist der persönliche Kontakt zu den Gästen wieder möglich. Das kommende Wochenende betrachtet er als Testphase. „Wir schauen uns an, wie das Angebot angenommen wird und wie letztlich die Auslastung ist.“ 70 Plätze bietet das Restaurant normalerweise, jetzt bleibt es erst einmal geschlossen, weil dort renoviert wird. Die Besucher wird der 33-Jährige im hellen Saal unterbringen, an den sich eine große Terrasse anschließt. Der ist normalerweise über das ganze Jahr hinweg gut gebucht für große Veranstaltungen, die gerade nicht stattfinden dürfen. „Auf dem Saal sind die Vorgaben besser umzusetzen, da haben wir einen besseren Überblick. Wir werden Platz für etwa 40 Gäste haben und genau darauf achten, dass auch auf den Wegen zur Toilette die Abstände zu Tischen und anderen Menschen groß genug sind.“

Zum Start wird es eine reduzierte Speisekarte geben mit maximal fünf Hauptgerichten, einigen Vorspeisen und Desserts. „Ich habe Staffeleien bestellt, die wir dann an die Tische stellen können.“ Seine Angestellten im Service und in der Küche sind verpflichtet einen Mundschutz zu tragen. „Wir setzen uns jetzt noch einmal zusammen und werden das alles durchsprechen.“

Die ersten Reservierungswünsche kamen bereits, kurz nachdem Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) am 4. Mai von den Plänen zur Wiedereröffnung der Restaurants gesprochen hatte. Insgesamt empfindet André Venjakob die Vorgaben, „nicht so schlimm, wie zunächst gedacht“. Allerdings weiß er, „dass alles auch mit dem Verhalten der Gäste steht und fällt“. Er wolle ja nicht ständig Ermahnungen geben, weiß aber, dass diese nicht ausbleiben werden. „Ich denke, die Gäste wollen sich sicher fühlen – und das sollen sie sich auch.“ Er und sein Vater werden einen Schritt nach dem anderen machen. „Meine größte Angst ist, dass sich die Fallzahlen so entwickeln, dass die Gastronomie wieder schließen muss. Eine zweite Schließung würden viele nicht überstehen.“

Grundregeln müssen beachtet werden

Restaurants und Cafés öffnen wieder – allerdings unter Einhaltung von Regeln, die eine Rechtsverordnung der niedersächsischen Landesregierung vorgibt:

■  Es besteht keine Reservierungspflicht, eine Reservierung wird jedoch empfohlen.

■ Die Betreiber müssen Namen und Kontaktdaten jedes Gastes sowie den Zeitpunkt des Besuchs dokumentieren und drei Wochen aufbewahren. Gäste dürfen nur bedient werden, wenn sie mit der Dokumentation einverstanden sind.

■  Maximal 50 Prozent der Sitzplatzkapazität dürfen belegt werden.

■  Tische sind mit einem Mindestabstand von zwei Metern anzuordnen.

■  Mund-Nasen-Schutz ist für das Servicepersonal verpflichtend, nicht aber für die Gäste.

■  Es wird ausschließlich am Tisch serviert.

■  Auf dem Tisch dürfen sich keine Gegenstände zur gemeinsamen Nutzung befinden – wie Speisekarten, Gewürzständer.

 

Entnommen aus dem Eichsfelder Tageblatt vom 12.05.2020. Bericht Kathrin Lienig. Foto Hinzmann.