Wege werden länger und länger

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  • Die Bevölkerung im Landkreis schrumpft – was die Versorgung der Menschen mit Dienstleistungen und Waren erschwert. Grafik: Landkreis Göttingen/Reyer

Wege werden länger und länger

Atlas zur Daseinsvorsorge im Landkreis Göttingen vorgestellt: Schlechte Aussichten für die Nahversorgung

Wie werden die Lebensbedingungen in Stadt und Landkreis Göttingen im Jahr 2030 aussehen? Diesen Fragen geht der Daseinsvorsorgeatlas des Landkreises nach.

Der Atlas, im Auftrag der Kreisverwaltung erstellt, wurde am Mittwoch im Sozialausschuss des Landkreises vorgestellt. Der Atlas erfasst den derzeitigen Stand der Daseinsvorsorge und ihrer Einrichtungen, gibt dann allerdings unter Berücksichtigung von derzeit absehbaren Entwicklungen Prognosen für die Zukunft bis ins Jahr 2030. Maßgeblicher Faktor dabei: die demografische Entwicklung.

Der Atlas und dessen zugrundeliegende Daten soll nicht nur der Kreisverwaltung dabei helfen, für die Zukunft zu planen: Das Planungsinstrument, das auch einige andere Regionen in Niedersachsen erfasst, wurde als Open-Source-Software entwickelt und soll über das Internet frei verfügbar und direkt anwendbar sein. Die Freischaltung des Atlas in den Regionen der Innovationsgruppe, wie dem Landkreis Göttingen, ist für das Frühjahr 2019 vorgesehen.

„Der Daseinsvorsorgeatlas“, erklärt Sozialdezernent Marcel Riethig, „kann als Planungsgrundlage dazu beitragen, soziale Infrastruktur zu erhalten und zu entwickeln und damit die Lebensqualität im ländlichen Raum zu steigern.“ Der Atlas erfasst unter anderem, in welchen Ortschaften es (noch) einen Lebensmittelmarkt gibt, wie gut die nächste Arztpraxis erreichbar ist und welche Freizeiteinrichtungen es in den Gemeinden gibt. Der aktuelle Stand im Landkreis Göttingen: Die bisher im Atlas erfassten Auswertungen und Analysen zeigen, „dass die heutige Versorgungslage mit den verschiedenen Einrichtungen der Daseinsvorsorge in der Region Göttingen insgesamt als gut oder zumindest ausreichend bezeichnet werden kann. Auf kleinräumiger Ebene ergeben sich jedoch teilweise erhebliche Erreichbarkeitsdefizite.“

Insbesondere für kleinere Ortschaften und Siedlungen können Hausärzte und Nahversorger, also Geschäfte wie auch kleinere Supermärkte, nur selten zu Fuß erreicht werden. Besonders für wenig oder nicht (mehr) mobile Menschen sei das jetzt schon ein Problem. „In diesen Bereichen“, heißt es im Atlas, „ist eine selbstständige Versorgung ohne Pkw kaum zu bewerkstelligen.“

Ohne gezielte Eingriffe in die Versorgungslage wird sich diese Situation nicht verbessern, sondern verschlimmern. Grund ist vor allem die demografische Entwicklung: Der Anteil älterer und damit weniger mobiler Menschen wird immer größer.

Eine Ausnahme stellen die beiden Oberzentren Göttingen und Kassel wie teilweise auch deren Nachbargemeinden dar, deren Bevölkerung bis 2030 eher stagniert oder leicht zunimmt. Nur wenige Gemeinden zeigen eine stabile oder sogar leicht positive Entwicklung, allen voran die Stadt Göttingen und deren Nachbargemeinden Rosdorf und Bovenden. Die anderen Gemeinden, vor allem diejenigen aus dem Altkreis Osterode am Harz, verlieren in der Prognoserechnung im Vergleich zum Jahr 2000 bis zu 30 Prozent ihrer Einwohner.

Die Konzentration im Lebensmittel- und Konsumgüterhandel wird sich weiter fortsetzen, erwarten die Fachleute. Die bisherige Entwicklung: Stellten kleine Läden mit weniger als 400 Quadratmetern Verkaufsfläche im Jahr 1990 noch 78 Prozent aller Lebensmittelläden, waren es 2010 nur noch 28 Prozent. Etwas entschärft werde diese Situation allerdings dadurch, dass einige größere Supermärkte in der Region mittlerweile einen Lieferdienst anbieten, meinen die Autoren der Studie.

Die Konsequenz: Die Wege gerade für diejenigen Leute, die ohnehin in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, werden immer länger. Es sei nicht zu erwarten, dass sich besonders „die fußläufige Erreichbarkeit der Einrichtungen der Daseinsvorsorge in der Breite“ verbessern lässt.

Die in den Analysen verwendeten 127 Nahversorger in der Region setzen sich aus insgesamt 65 Super- oder Lebensmittelmärkten aller Größen, 48 Discountern und 14 Dorfläden zusammen. Die Analysen konzentrieren sich auf Supermärkte und Discounter, aber auch auf bekannte Dorfläden, „da hier auch bei kleiner Flächengröße eine Grundversorgung geboten wird“.

Der Daseinsvorsorgeatlas entwirft zudem einige Szenarien – zum Beispiel, wenn aufgrund der weiteren Konzentration im Einzelhandel der jeweils nächste Nahversorger schlösse. Dann breche auch eine heute noch vorhandene gute fußläufige Erreichbarkeit dramatisch ein, betroffen wären auch Einwohner in den Städten. Sollte dieses Szenario Wirklichkeit werden, wären in fünf Gemeinden keine Läden mehr fußläufig erreichbar: „So müssten in Friedland, Gleichen, Radolfshausen, Staufenberg und Walkenried ausnahmslos alle Einwohner länger als 30 Minuten zu Fuß zum übernächsten Nahversorger laufen.“ Aber: „Im Bereich der Nahversorgung können (zu lange) Einkaufswege durch (Online-) Bestellung und Lieferung kompensiert werden. Ergänzend könnten lokale oder regionale Nahversorger, wie zum Beispiel Lebensmittelmärkte, Hofläden oder andere Direktvermarkter ebenfalls neue Bestell- und Liefermöglichkeiten anbieten, um negative Effekte abzumildern.“

Der digitale Daseinsvorsorge-Atlas wird gemeinsam mit dem Niedersächsischen Ministerium für Bundes- und Europaangelegenheiten und Regionale Entwicklung (MB) beziehungsweise dem Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung Niedersachsen (LGLN) entwickelt. Im Anschluss an die Freischaltung im Frühjahr kommenden Jahres sind Anwenderschulungen zur Handhabung für Fachplaner vor Ort vorgesehen.

Der Daseinsvorsorgeatlas für die Region Göttingen ist abrufbar auf landkreisgoettingen.de.

 

Entnommen aus dem Eichsfelder Tageblatt vom 29.11.2018. Bericht Matthias Heinzel. Grafik LK Göttingen Reyer.

Sonntag, 2. Dezember 2018|