Die 22. Auflage der wohltätigen Motorrad-Rundfahrt fällt den Corona-Auflagen zum Opfer

Sonnabend, 15 Uhr, leichter Nieselregen über dem Eichsfeld: Eigentlich müssten Josch Nolte, Michael Dombrowski, Klaus Hupe und Tim Heinemann in diesem Moment gerade zusammen mit etwa 800 anderen Motorradfahrern auf dem Lindauer Schützenplatz einrollen. Sie würden absteigen und vielleicht das erste Bier aufmachen. Tatsächlich aber sitzen die vier Männer nicht auf ihren schweren Maschinen, sondern auf dem Sofa vor dem Fernseher. Sie mussten den Eichsfelder Bikertag absagen – erstmals seit 22 Jahren. Das Coronavirus macht auch vor den harten Jungs nicht Halt.

Dass die Stimmung der Männer aus dem Orgateam trotz der fertigen Pläne in der Schublade relativ gut ist, hat mehrere Gründe. Zum einen haben trotz der Absage zahlreiche Fahrer ihr Startgeld gespendet. „Wir haben aktuell 181 virtuelle Teilnehmer“, sagt Josch zufrieden. Ziel sei es, auch im Corona-Jahr möglichst viel Geld zusammenzubekommen. Das fließt seit zwei Jahrzehnten an das Elternhaus für das krebskranke Kind in Göttingen – mehr als 260 000 Euro waren es bisher.

Ein weiterer Grund für das Lachen auf den Gesichtern der Eichsfeld-Biker ist das Fernsehprogramm an diesem Nachmittag: Der „5. Eichsfelder Bikertag“ läuft mit wackelnden Bildern als DVD auf dem überdimensionalen Bildschirm. Die Kamera hält gerade seit mehreren Minuten auf eine langgezogene Rechtskurve. Wie auf einer Perlenkette ziehen die verschiedensten Zweiräder vorbei. Und zu nahezu jedem haben die vier Männer einen Kommentar.

Mal ist das Motorrad einer besonderen Erwähnung wert, mal wird trotz Tempo, Helm und Lederkombi der Fahrer identifiziert. Es fallen Sätze wie „Das ist doch Uwe. Mensch, da läuft seine Karre ja ausnahmsweise mal“ oder „Weißte noch, die beiden haben doch beim zwölften Eichsfelder Bikertag geheiratet“. Ab und zu ist es aber auch einfach still am Tisch. In diesen Momenten schwelgt jeder in seinen eigenen Erinnerungen zur Tour. Und davon gibt es viele.

Mann der ersten Stunde

So sitzt mit Klaus ein Mann der ersten Stunde mit am Tisch. Er erkennt auf den alten Filmen „mindestens 40 Prozent“ des Fahrerfeldes wieder. Die meisten seien Wiederholungstäter, sagt er. Er selbst ist oft im Bild – meist in der Pose eines Dirigenten. Schließlich galt es, eine Großveranstaltung mit in Spitzenzeiten 1000 Teilnehmern zu koordinieren. Erst im vergangenen Jahr hat er sich aus der ersten Reihe zurückgezogen.

Seine schönsten Momente seien die mit den Kindern gewesen, erinnert sich der in Würde ergraute Vollblut-Motorradfahrer. Er meint die kleinen Patienten der Universitätsmedizin, für die er und seine Mitstreiter das Geld sammeln.

Tim und Michael sind selbst mit der Tour groß geworden. „Sie mussten schon als kleine Kinder mitfahren, ob sie wollten oder nicht“, scherzt Josch. Heute gehören sie zum Organisationsteam und versuchen auch aus der geplatzten 22. Auflage das Beste zu machen. Am Morgen schon waren sie am traditionellen Startpunkt in Bilshausen, um ein Video für die virtuellen Teilnehmer zu drehen, später machen sie das Gleiche am leider verwaisten Festplatz in Lindau. Sie versuchen über die sozialen Netzwerke möglichst viele Teilnehmer zu erreichen.

Und wie geht es jetzt weiter? Am Abend werden vor dem Fernseher wohl noch ein paar Erinnerungen an vergangene Bikertage aufgewärmt. Dann beginnt die Vorfreude auf die 23. Auflage.

 

Entnommen aus dem Eichsfelder Tageblatt vom 07.09.2020. Bericht und Foto Markus Scharf.