Austritte und demografischer Wandel machen Kirchen in der Region zu schaffen

Immer weniger Menschen in der Stadt und im Landkreis Göttingen gehören einer der großen Kirchen an. Das hat mit Austritten zu tun, aber auch damit, dass es mehr Beerdigungen als Taufen gibt.

Im evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Göttingen nahm die Zahl der Kirchenmitglieder im vergangenen Jahr von 74 410 auf 72694 Gläubige ab. Die Zahl der Austritte lag 2008 bei 672, 2018 bei 866. Ihnen standen 123 Eintritte 2008 gegenüber. 2018 waren es 97. Die Zahl der Taufen sank von 674 im Jahr 2008 auf 496 in 2018. Die Zahl ging von 788 in 2008 auf 452 in 2018 zurück. Weniger stark gesunken ist die Zahl kirchlicher Hochzeiten. 2008 waren es 145, 2018 noch 123. Deutlich höher sind dagegen die Zahlen der Beerdigungen. 2008 wurden im Kirchenkreis 975 Lutheraner bestattet, 2018 waren es 898 Kirchenmitglieder.

Kirche müsse vielfältiger werden

„Wir müssen stärker auf die Menschen zugehen und auf ihre Bedürfnisse mit großer Offenheit reagieren“, kommentiert Superintendent Friedrich Selter die Zahlen. In einer ausdifferenzierten Gesellschaft müsse auch die Kirche vielfältiger werden. Er sieht seinen Kirchenkreis da „in ganz vieler Hinsicht auf guten Wegen“. Bei den sogenannten Sommerkirchen, besonderen Gottesdiensten während der Sommerzeit, platzten die Dorfkirchen „mit 160 Besuchern förmlich aus allen Nähten“, nennt er ein Beispiel.

Innovationen zu fördern, so Selter, sei allerdings eine Herausforderung, wenn zurückgehende Mitgliederzahlen eine Anpassung der kirchlichen Strukturen nötig machten. „Das führt an manchen Stellen zu Enttäuschung und Überforderung bei den Mitarbeitenden“, berichtet der Superintendent. Entscheidender als Statistiken sei es, dass die Kirche das Evangelium „weiterhin glaubwürdig, überzeugend und verlässlich“ in Diakonie, Seelsorge, Bildungsarbeit, Kirchenmusik und natürlich Gottesdiensten verkündigt.

Vor ähnlichen Problemen steht die katholische Kirche. Die Zahl der Katholiken im Dekanat Göttingen sank von 29166 im Jahr 2008 auf 26 932 im Jahr 2018. Im Dekanat Untereichsfeld ging sie sogar von 29 584 im Jahr 2008 auf 25 290 im Jahr 2018 zurück. Der Duderstädter Pfarrer Reinhard Griesmayr beobachtet, dass bei vielen Mitgliedern die innere Bindung an die Kirche schon schwach sei. Ein kleiner Anstoß reiche aus und die Menschen vollzögen den Austritt. Die Kirche gebe zudem zur Zeit kein gutes Bild ab. Manche hielten sie für nicht mehr reformfähig.

Aufgrund des Priestermangels könne die Kirche „traditionelle Erwartungen nicht mehr so erfüllen“ wie bisher, berichtet der leitende Geistliche des Dekanats, Propst Bernd Galluscke. Im Untereichsfeld wird seit einiger Zeit nach und nach der sogenannte überpfarrliche Personaleinsatz eingeführt. Ein Pfarrteam betreut mehrere Gemeinden. Die Folge: Es finden nicht mehr jedes Wochenende in allen Kirchen Gottesdienste statt. Taufen müssen zusammengelegt werden. Ehrenamtliche führen Beisetzungen durch.

Die größte Herausforderung sieht Galluschke darin, „den Wechsel von einer Form von Kirche zu einer neuen Form auszuhalten und dabei nicht genau zu wissen, wie die neue Form aussehen wird.“ Wichtig sei es, dass die Kirche „für Menschen in jedweder Not“ da sei.

In der Evangelisch-Reformierten Gemeinde Göttingen ist die Zahl der Mitglieder in den vergangenen fünf Jahren von gut 2000 auf weniger als 1900 Christen gesunken. Ein- und Austritte würden sich die Waage halten, betont Pastor Michael Ebener. Allerdings kämen im Jahr auf zehn Taufen 20 Beerdigungen. Zudem verliere die Gemeinde jährlich 15 bis 20 Mitglieder durch Fortzüge.

 

Entnommen aus dem Eichsfelder Tageblatt vom 28.08.2019. Bericht Michael Caspar.