Das Land Niedersachsen hat trotz großer Versprechungen Schottergärten immer noch nicht verboten – dabei wäre das gar nicht schwer, wie das Beispiel Baden-Württemberg zeigt. Vertreter von Stadt und Landkreis Göttingen sowie des Fleckens Bovenden erklären, wie sie dennoch die „Gärten des Grauens“ eindämmen wollen.

Für manche sind es Gärten des Grauens, für andere eine pflegeleichte Variante, Flächen vor Häusern zu schmücken: Schottergärten. Der Landtag in Baden-Württemberg hat jetzt ein Naturschutzgesetz beschlossen, das neue Schottergärten im Interesse des Artenschutzes und der Artenvielfalt verbietet. In Niedersachsen ist man noch nicht ganz so weit, auch wenn Umweltminister Olaf Lies vergangenes Jahr medienwirksam den „Kampf gegen Schottergärten“ einläutete. Denn: Rechtlich eindeutige Vorgaben per Gesetz fehlen hierzulande. Daher müssen sich die Kommunen selbst helfen, wie Beispiele aus Stadt und Landkreis Göttingen zeigen.

Keine Frage: Es gibt in Südniedersachsen viele begrünte, blühende, bienenfreundliche Vorgärten. Doch der Trend zu insektenfeindlichen Schottergärten ist insbesondere in neuen Wohngebieten mit Einfamilienhäusern nicht zu übersehen. Statt Blumen oder Rasen zieren dort Kies oder andere Steine den Vorgarten. Naturschützern sind diese sogenannten Schottergärten ein Graus, da sie für Tiere und Pflanzen weder Nahrung noch Lebensraum bieten.

„Kleinsäuger finden hier keinen Unterschlupf. Auch Reptilien, die Wärme eigentlich lieben, fühlen sich auf diesen monotonen Flächen nicht wohl“, urteilt der Naturschutzbund (Nabu) und kritisiert Schottergärten als „ökologisch wertlos“. Insekten fänden dort ebenso keine Nahrung, was sich auch negativ auf insektenfressende Vögel auswirke.

Die ersten Kommunen in Südniedersachsen versuchen nun, selbst gegenzusteuern – und Schottergärten den Kampf anzusagen.

Landkreis Göttingen

„Zur Frage des Verbots von Schottergärten ist Niedersachsen nicht so weit wie Baden-Württemberg“, erklärt Andrea Riedel-Elsner, Sprecherin des Landkreises Göttingen. Der niedersächsische Umweltminister Lies habe zwar angekündigt, ein Verbot von Schottergärten in die niedersächsische Bauordnung aufnehmen zu wollen. Das sei allerdings noch nicht passiert.

Die bislang geltende Regelung, zu finden in Paragraf 9 der Niedersächsischen Bauordnung (NBauO), sei „rechtlich zu unscharf, um hier als untere Baubehörde rechtssicher vorzugehen“, so die Landkreissprecherin. Diese Auffassung werde vom Kreistag geteilt. Daher reagiere die Bauaufsicht des Landkreises derzeit nur auf Beschwerden.

Die Städte und Gemeinden könnten „im Rahmen ihrer Bauleitplanung aber schon jetzt konsequenter vorangehen und in ihren Bebauungsplänen Schottergärten verbieten“, erklärt Riedel-Elsner. Manche, wie der Flecken Bovenden, fingen damit an. „Dass die Städte und Gemeinden diese Möglichkeiten mehr nutzen, unterstützt der Landkreis unter anderem durch die Mitfinanzierung von Beratung durch den BUND.“

Dennoch ist der Landkreis selbst offenbar nicht untätig in der Angelegenheit. Das Thema Schottergärten sei jedenfalls schon mehrfach im Umweltausschuss diskutiert worden, zuletzt am 2. Juli dieses Jahres auf Antrag der FDP-Fraktion, sagt die Landkreissprecherin. Darin hatte die FDP gefordert, eine Handreichung für insektenfreundliche Gärten zu erstellen.

Die Verwaltung verwies in ihrer Stellungnahme zu dem Antrag allerdings „auf den zu diesem Thema sehr viel weiterreichenden Beschluss“ des Kreistages vom 23. Mai 2019. Damit wurde die Verwaltung des Landkreises unter anderem aufgefordert, kreiseigene Flächen auszuwählen, die insektenfördernd umgestaltet werden können. Außerdem sollten „im Rahmen der Bauleitplanung Hinweise zur insektenfördernden Gestaltung der Grünflächen“ aufgenommen werden. Auch Umweltdezernentin Christel Wemheuer sehe „die massive Ausweitung der Schottergärten“ in der Region mit Sorge, erklärt Riedel-Elsner. So habe Wemheuer in einer Sitzung des Umweltausschusses auch schon mal von „Gärten des Grauens“ gesprochen.

Flecken Bovenden

Den Gemeinden obliege in Niedersachsen die Bauleitplanung, sagt Thomas Brandes (SPD), Bürgermeister des Fleckens Bovenden. Und in den Bebauungsplänen hätten die Kommunen die Möglichkeit, über sogenannte textliche Festsetzungen regulierend einzugreifen – auch auf die Gestaltung der Vorgärten.

In Bovenden hatte die SPD bereits im Mai 2019 einen entsprechenden Antrag mit dem Titel „Umweltschutz in Bovenden: Eindämmung sogenannter Schottergärten“ eingebracht. Als Begründung führte die SPD an, dass das „immer weiter verbreitete Phänomen der sogenannten Schottergärten die Artenvielfalt und damit die Grundlage unseres Ökosystems in unserer nahen Nachbarschaft und politischen Kommune bedroht“.

Die Steingärten oder Steinwüsten bestimmen „immer häufiger das Bild von Vorgärten, gerade auch bei unseren Neubaugebieten“, hatte die SPD beobachtet. Das sahen die anderen Fraktionen in Bovenden offenbar ähnlich. Der Antrag wurde jedenfalls wenig später vom Rat beschlossen. Viel Zeit verging also nicht im Kampf gegen Schottergärten im Flecken.

Die Verwaltung wurde somit aufgefordert, in die Bausatzungen der Bovender Neubaugebiete einen Passus einzuarbeiten, der eine „Verschotterung von Vorgärten, Gartenflächen, etc. eindämmt und möglichst verhindert“. Dieser Passus liegt mittlerweile vor. Unter der Zwischenüberschrift „Verbot von Kiesflächen in Gärten“ steht dort: „Auf den nicht überbauten Grundstücksflächen sind Kiesflächen u. Ä. auf Goetextilvlies unzulässig. Zulässig sind bis zu 50 Zentimeter breite Drainagestreifen an Gebäuden“. In jedem neuen Bebauungsplan werde dies nun aufgenommen, erklärt Bürgermeister Brandes. Damit würden Schottergärten in allen neuen Baugebieten faktisch unterbunden. Das werde auch überprüft, betont der Bürgermeister. „Das muss also eingehalten werden.“

„Das Thema liegt mir persönlich sehr am Herzen. Die Entscheidung des Rates ist die richtige Entscheidung“, kommentiert Brandes den Beschluss. Das habe auch mit der neuen Biodiversitätsstrategie im Flecken Bovenden zu tun. Dazu habe er eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen. „Da steckt richtig Herzblut drin“, betont Brandes. Die Biodiversitätsstrategie werde für das gesamte Gemeindegebiet entwickelt. Und ein Baustein von vielen sei dabei auch das Verbot von Schottergärten.

Stadt Göttingen

Schottergärten gaben auch in der Stadt Göttingen bereits häufiger Anlass zur politischen Debatte. So nahmen sich schon mehrere Ratsparteien des Themas an, zum Beispiel die CDU-Fraktion im Mai 2019 und die Grünen im Juni 2019. Der Antrag der CDU trug den Titel „Schottergärten in Neubaugebieten eindämmen“.

Daraus resultierte der Beschlussvorschlag, dem „Trend Schottergärten“ entgegenzuwirken, „indem zukünftig in Baugenehmigungen und in Bebauungsplänen Hinweise aufgenommen werden zur Sensibilisierung der Bauträger und Bauherren“. In den Bebauungsplänen sollten die Regelungen zu Vorgärten entsprechend neu gefasst werden, „um deutlich zu machen, dass die Schottergärten jeweils unzulässig sind“. Dem stimmte der Umweltausschuss des Rates im September einstimmig zu.

Im Zuge der Neuaufstellung von Bebauungsplänen in Göttingen würden sogenannte Schottergärten nun „regelmäßig ausgeschlossen“, bestätigt Dominik Kimyon, Sprecher der Göttinger Stadtverwaltung. Zudem würden in Baugenehmigungen und in Bebauungsplänen entsprechende Hinweise aufgenommen.

Ursprünglich war im Beschlussvorschlag zum CDU-Antrag „Schottergärten in Neubaugebieten eindämmen“ übrigens der Hinweis verankert, statt Kontrollen solle Aufklärung erfolgen. Der Passus wurde nach Kritik der Ausschussmitglieder, dieser sei zu lasch, aber noch verschärft. Danach lautete er: „Vorrangig ist eine Aufklärung durchzuführen und die gesetzlichen Regelungen sind durchzusetzen“. Ein knallhartes Ahnden von Verstößen klingt allerdings anders.

 

Pflegeleichte Gärten: Alternativen zu Schotter und Co.

Wer sich einen pflegeleichten Garten wünscht, muss nicht zum Schotter greifen. Darauf weist der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) hin. Die heimische Natur habe viele Alternativen zu bieten, die wenig Arbeit machen und gleichzeitig ästhetisch wirken. Ob bunt blühend oder eher zurückhaltend mit kühlen Farben und Formen – für jeden Geschmack sei etwas dabei. Ein Vorgarten mit schlichter Eleganz etwa könne auch mit Pflanzen erreicht werden. „Elegante, silbern schimmernde Gräser, architektonisch anmutende Wolfsmilchgewächse und Farbtupfer in pastelligem Violett von Malven und Wiesensalbei halten Einzug in den modernen, pflegeleichten Garten“, erklärt der Nabu. Pflanzen wie Elfenbeindistel, Steppen-Salbei oder Bergkamille lieben es trocken und sonnig und bieten dennoch Unterschlupf und Nahrung für viele Tierarten. Und wenn es doch unbedingt etwas Schotter sein solle (oder man seinen Schottergarten zurückbauen wolle), bieten sich Kiesgärten nach alpinem Vorbild an. So könne der Kies auch gleich wiederverwertet werden.

Mehr Tipps zu diesen Themen gibt der Nabu auf seiner Internetseite unter www.nabu.de (Umwelt und Ressourcen).

 

Entnommen aus dem Eichsfelder Tageblatt vom 03.08.2020. Bericht Andreas Fuhrmann.