Im „Löwen“ gehen die Lichter aus

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  • Bald nur noch Geschichte: Die Gaststätte Zum Löwen in Bilshausen schließt Ende Oktober. Foto: Mahnkopf

Im „Löwen“ gehen die Lichter aus

Ende einer Ära / Elfriede Hartmann zieht Schlussstrich nach 144 Jahren Gastronomie in Familienhand

„Wir gehen zu Elfriede“, hieß es immer nur im Ort. Damit ist in wenigen Tagen Schluss. Zum Monatsende dreht Wirtin Elfriede Hartmann den Zapfhahn im Gasthaus Zum Löwen zu. Endgültig. Damit enden 144 Jahre Gastronomiegeschichte in Familienhand.

Richard Neumann ist nicht der einzige, der das „zutiefst bedauert. Das ist ein Einschnitt für den ganzen Ort“, sagt der ehemalige Vorsitzende des Bilshäuser Sportvereins. Der verliert ebenso wie Turn-, Radfahrer- und Gesangverein sein langjähriges Vereinslokal. Vorbei ist es ab November im Löwen mit den Laientheater-Aufführungen der Kolpingsfamilie und den Büttenabenden der Karnevalisten, die den Saal ebenso genutzt haben wie der CDU-Ortsverband für sein Grünkohlessen mit Polit-Prominenz, die Landfrauen für Vorträge, die Schützen für Kreiskönigsbälle. Auf dem Saalboden sind noch die Markierungen der Radballer und Turner zu sehen, die hier in früheren Jahrzehnten trainierten.

Die Rassegeflügelzüchter haben ihre jährliche Schau von November auf Oktober vorgezogen, um noch einmal die Scheune nutzen zu können. Betroffen von der Schließung des traditionsreichen Lokals, mit dem viele Bilshäuser Erinnerungen verbinden, sind auch die Damengymnastikgruppe, zwei von ehemals vier örtlichen Dart-Teams, der „Sportschau-Club“, der sich seit Jahrzehnten sonnabends zum Fußballgucken in der Kneipe trifft – und natürlich die Stammgäste, für die Elfriede immer ein offenes Ohr hatte, und die hier eine zweite Heimat gefunden haben. Ob das der Organist war, der regelmäßig auf einen Absacker bei Elfriede vorbeischaute, oder die Thekengäste, die in der urigen Gaststube mit Steh- und Sitztischen ihr Feierabendbier genossen. Ein weiterer Pluspunkt: Wegen Ausweichmöglichkeiten konnte in der Gaststube, auf deren Zapfanlage ein gusseiserner Löwe thront, noch geraucht werden.

Leicht ist die Entscheidung Elfriede, die das Gasthaus mit viel Herzblut geführt hat, nicht gefallen. Der Stress in der Schlussphase lässt sie aber noch nicht zum Innehalten und Nachdenken kommen. 1994 hat sie die Gaststätte von ihrem Vater Ludwig Wüstefeld übernommen, seit dem Tod ihres Mannes vor 16 Jahren steht sie allein hinter der Theke – „tags und nachts“. Aus Altersgründen will die 67-Jährige jetzt aufhören. Wie es weitergeht, weiß sie noch nicht, ein möglicher Nachfolger ist bislang nicht in Sicht. Immerhin gibt es in Bilshausen noch weitere gastronomische Anlaufpunkte: das Mühlencafé, einen Döner-Imbiss und das Gasthaus Zur Linde (Venjakob) mit Saal, das ebenfalls eine lange Tradition hat.

Freizeitverhalten hat sich verändert

Das Gasthaus Zum Löwen mit Saal, Bundeskegelbahn und Fremdenzimmern ist seit 1874 im Besitz der Familie Wüstefeld. Von ihrem Vater Ludwig Wüstefeld übernahm Elfriede Hartmann 1994 die Gaststätte, in der sie mit drei jüngeren Geschwistern großgeworden ist, und gestaltete sie um. Noch gut erinnert sie sich an die Viehwaage, die es früher hier gab. Vor der hat der gesellschaftliche Wandel aber ebensowenig Halt gemacht wie vor der Freizeitkultur, die sich immer mehr von öffentlichen in virtuelle Räume verlagert. „Als 1972 die Kegelbahn in Betrieb ging, haben die Tage nicht gereicht“, sagt Elfriede: „In den vergangenen Jahren wurde es aber immer ruhiger.“ Auch die Vereinshäuser haben ihren Teil dazu beigetragen: „Nach Fußballspielen war es früher proppenvoll. Da standen drei Mannschaften hinter der Theke. Heute bleiben sie auf dem Sportplatz.“

Anekdoten erzählen könnte Elfriede ohne Ende, will aber nicht vom Hundertsten ins Tausendste kommen: „Besondere Erlebnisse gibt es eigentlich jeden Tag. Um das alles zu erzählen, würde die Zeit nicht reichen.“

 

Entnommen aus dem Eichsfelder Tageblatt vom 20.10.2018. Bericht und Foto Kuno Mahnkopf.

Dienstag, 23. Oktober 2018|