Großes Herz unter schwarzer Kutte

//Großes Herz unter schwarzer Kutte
  • Franz Knapp ist seit der ersten Ausfahrt dabei. Foto: Mischke

Großes Herz unter schwarzer Kutte

Biker starten am 2. September in Bilshausen zugunsten des Elternhauses für das krebskranke Kind

Harte Schale, weicher Kern: Rund 800 Biker aus allen Teilen Deutschlands starten am Sonnabend, 2. September, um 10 Uhr in Bilshausen zur 19. Ausfahrt zugunsten des Elternhauses für das krebskranke Kind in Göttingen. Mit ihrer jährlichen Benefiz-Tour gehören die Biker zu den größten Spendern für die Einrichtung. Vom Elternhaus eingeladene Kinder und Eltern können die Tour als Beifahrer miterleben.

„Das ist cool, richtig schön“, sagt Selin Keser. Wenn die Achtjährige an den Bikertag denkt, huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie will zum dritten Mal mitfahren: im Beiwagen der Harley Davidson von Franz Knapp, den sie vor vier Jahren kennengelernt hat.

Bei Selin war 2011 Leukämie festgestellt worden. Behandelt wurde die Krankheit in der Kinderklinik der Göttinger Universitätsmedizin. Ihre Mutter Martha Kubica-Keser wohnte im Elternhaus: Sie wollte in der Nähe ihrer Tochter sein, die mittlerweile die Krankheit überwunden habe.

„Vor dem Eichsfelder Bikertag 2013 hat uns das Elternhaus zur Teilnahme eingeladen“, erzählt Kubica-Keser. Dort lernte sie Knapp kennen, den alle „Venne“ nennen und der ihnen die Mitfahrt im Beiwagen seiner Harley angeboten habe.

„Gänsehaut pur“ während der Fahrt

„Selin hat unterwegs kaum gesprochen und ist überglücklich gewesen“, erzählt die 41-Jährige aus Nesselröden, bei der die Fahrt „Gänsehaut pur“ ausgelöst habe. Während der Pause in Sieboldshausen seien sie mit Knapp ins Gespräch gekommen und hätten zum Abschluss der Fahrt die Adressen ausgetauscht. Seitdem hielten sie Kontakt über den Nachrichtendienst Whatsapp.

Beim Sommerfest des Elternhauses habe es ein Wiedersehen gegeben. Während des folgenden Eichsfelder Bikertags seien Selin und ihre Mutter wieder bei „Venne“ mitgefahren, der seit der ersten Benefiz-Tour dabei ist. „Man lebt bewusster, hofft mit den Kindern und freut sich über jedes Lächeln von ihnen“, sagt der 67-Jährige.

Mit dem ersten Moped habe ihn im Alter von 16 Jahren die Leidenschaft für das motorisierte Fahren auf zwei Rädern erfasst, sagt Knapp. Zwei Jahre später sei er auf ein Motorrad umgestiegen. Ein Schicksalstag war für Knapp der 17. Juli 1977. Wegen eines technischen Defektes an seiner Maschine verunglückte er so schwer, dass er fast ein Jahr lang im Göttinger Universitätsklinikum behandelt werden musste, ein Bein sei seitdem steif. Die Bauweise der Harley mit weit vorne angebrachten Fußrasten komme ihm daher entgegen.

Harley-Fan lässt Maschine tuckern

„Zum Zeitpunkt des Unfalls hatte ich acht Motorräder“, berichtet Knapp, der auf einem umgebauten Bauernhof in Borsum bei Hildesheim lebt. Da zum damaligen Zeitpunkt viele junge Leute auf ein Auto umsteigen wollten, seien die Maschinen zu einem „Schrottpreis“ zu haben gewesen. Derzeit besitze er drei Harleys, darunter ein Gespann, eine Honda und zusätzlich ein Awo-Gespann. Eine Harley aus dem Jahr 1942 stehe bei ihm im Wohnzimmer, erzählt er schmunzelnd. Am liebsten sei er abends oder nachts unterwegs, wenn es wenig Verkehr gebe. Er lasse dann die Maschine „tuckern und rollen“, denke nach und erkenne „Wege für sich“.

Außer Selin habe er beim Bikertag und auch bei Sommerfesten des Elternhauses schon andere Kinder in seinem Beiwagen mitgenommen. „So lange es möglich ist, werde ich dabei sein, weil man selbst Freude daran empfindet und merkt mit wie wenig Einsatz man den Kindern eine Freude machen kann“, kündigt der Biker an. Die diesjährige Tour führt rund 150 Kilometer von Bilshausen nach Lindau.

 

Entnommen aus dem Eichsfelder Tageblatt vom 31.08.2017. Bericht Axel Artmann. Foto Mischke.

2017-08-31T10:36:06+00:00 Sonntag, 3. September 2017|