Schadstoffwerte sinken an den Messstationen in der Region / Welche Rolle spielen Ausgangsbeschränkungen?

Eine gute Nachricht in Zeiten der Corona-Krise: Die Luft wird überall auf der Welt sauberer. Ob das wirklich an Ausgangs- und Reisebeschränkungen liegt, ist in der Forschung umstritten. Tatsache ist aber: Schadstoffwerte in der Luft gehen an vielen Orten auf der Erde zurück. Bestätigt sich diese Tendenz auch in Duderstadt und dem Landkreis Göttingen? Die Zahlen legen das nahe – dennoch wird über die Luftwerte in der Region gestritten.

Drei Messstationen des Luftüberwachungssystems Niedersachsen (LÜN) stehen im Landkreis: eine in Duderstadt, zwei in Göttingen. Betrieben werden sie vom Gewerbeaufsichtsamt Hildesheim. An der Bürgerstraße in Göttingen ist eine sogenannte „verkehrsnahe Probenahmestelle“ aufgebaut. Die weiteren Stationen stehen an der Bostalstraße in Duderstadt und an der Nohlstraße in Göttingen.

Stickstoffdioxidwerte im Landkreis sinken deutlich

Tatsächlich liefern die drei Stationen in den vergangenen Wochen offenbar Werte, die teils deutlich unter dem Durchschnitt der Monate vor der Corona-Krise liegen. Die aktuellsten Zahlen des LÜN sind im vorläufigen Monatsbericht für den März 2020 zu finden. Seit Mitte März gelten viele der Beschränkungen zur Bekämpfung der Corona-Krise.

Live-Daten lassen auf klare Verbesserung hoffen

Die Station an der Bostalstraße in Duderstadt verzeichnete im Monatsmittel eine Stickstoffdioxidbelastung von neun Mikrogramm pro Quadratmeter Luft. Im Januar waren es noch elf Mikrogramm. Ähnliche Tendenzen verzeichnen auch die anderen Stationen: An der Bürgerstraße in Göttingen wurden im März durchschnittlich 26 Mikrogramm Stickstoffdioxid gemessen. Im März waren es noch 32, im Jahresmittel 2018 sogar 37 – der gesetzliche Höchstwert liegt bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter. An der Nohlstraße ist der Wert von Januar bis März von 17 auf elf gesunken.

Wenig Veränderung verzeichnen die Stationen bei den Feinstaubwerten. Nur an der Bürgerstraße ist die Belastung von Januar bis März deutlich gesunken, von 21 auf 18 Mikrogramm Feinstaubpartikel pro Kubikmeter Luft. Auch hier liegt der gesetzlich festgeschriebene Höchstwert, der nicht überschritten werden darf, bei 40.

Tagesaktuelle, aber noch nicht bestätigte Zahlen liefert das Online-Projekt „World Air Quality Index“. Demnach liegen die Stickstoffdioxid- und Feinstaubwerte in Göttingen am Montag, 20. April, so niedrig wie selten zuvor: zwischen einem und sechs beziehungsweise zwischen sieben und 17 Mikrogramm pro Kubikmeter. Noch 2018 wurden in Göttingen nach Messungen des LÜN verschiedene Grenzwerte mehrfach überschritten.

Welche Rolle spielt der „Corona-Effekt“?

Die Göttinger Grünen greifen die guten Messwerte für eine Forderung nach einer Stärkung des Fahrradverkehrs und flächendeckenden Tempo-30-Regelungen in den Städten auf. Der Stadtvorstand der Partei argumentiert, mit solchen Maßnahmen könnten die positiven Auswirkungen der Ausgangsbeschränkungen über die Corona-Krise hinaus erhalten werden.

Dabei herrscht in der Forschung keineswegs Einigkeit, ob wirklich ein „Corona-Effekt“ für die Veränderungen der Schadstoffkonzentrationen verantwortlich ist. Außer dem Straßenverkehr hätten viele weitere Effekte Einfluss auf die Werte, sagt Andreas Hainsch vom Gewerbeaufsichtsamt Hildesheim – etwa die Wetterlage.

Die Wissenschaft sei noch nicht in der Lage, einen Zusammenhang zu bestätigen, sagt Dr. Thomas Zeuch vom Institut für physikalische Chemie an der Universität Göttingen. Der Forscher betont: „Solche Konzepte können Schadstoffe durch verringerten Verkehrsfluss reduzieren. Das kann aber auch Staus hervorrufen und nichts wäre gewonnen – im Gegenteil.“ Solange es keine belastbaren Studien gebe, seien solche Effekte reine Spekulation.

 

Entnommen aus dem Eichsfelder Tageblatt vom 21.04.2020. Bericht Tammo Kohlwes. Foto Eichsfelder Tageblatt.